Waldweihnacht 2018 – Joseph, der Held

Josef, der liebevolle Vater

Eine ganz neuen Blick auf die Person des Joseph konnten die ca. 50 Besucher der Waldweihnacht  in Wehe gewinnen. In vielen Krippendarstellungen spielt Joseph nur eine Nebenrolle. Bei der Waldweihnacht hatte er dieses Jahr eine Hauptrolle.

Die Mitarbeitenden hatten sich viel Mühe gegeben, ein überdimensionales Bild eindrücklich darzustellen. Die Umrisse des Bildes waren mit  im Schwarzlicht hell strahlenden Band geklebt worden. Erst zur Andacht wurde das Bild am dunklen Waldrand sichtbar.  Joseph hat sich vieles in seinem Leben nicht ausgesucht, erläuterte Jugendreferent Oliver Nickel.  Aber trotzdem hat er seine Verantwortung getragen. Und ohne ihn wäre die Weihnachtsgeschichte nicht so ausgegangen, wie wir sie kennen. (Die ganze Ansprache können Sie unten lesen.)

Es hatte den ganzen Tag kräftig geregnet, aber im Himmel hatte wohl jemand einsehen. Und so hörte es kurz vor Beginn auf. Ein kräftiger Wind blies das Feuer an den Fackeln, die beim Marsch zur Kuhle angezündet worden waren, ordentlich an. So mancher Fackelträger musste seine Fackel frühzeitig aus den Händen legen, da die Flammen über die Hände und Ärmel züngelten.

Im geschützten Wald warteten schon die Musiker der katholischen Gemeinde auf die Wanderer. Nach Begrüßung und dem Anzünden des Lagerfeuers wurde das erste Leid angestimmt. Zwischen der Ansprache, Gebet und Segen wurden neue Weihnachtslieder gesungen.  Die Musiker und Sänger trugen zum Ende noch ein altes, traditionelles Weihnachtslied vor. In der zwischen Zeit war über dem Feuer  in großen Töpfen Kinderpunsch und Glühwein erhitzt worden. Schnell wurden ein paar Stöcker geschnitten, denn Teig für Stockbrot war zu bereitet worden. In geselliger Runde wurde Brot gebacken und die heißen Getränke genossen.

 

Bild: Karikatur ohne Titel, Signatur „Hartmann“, Josef mit Kind sitzend, Maria stehend

Ein ungewöhnliches Weihnachtsbild: Josef sitzt in der Mitte, das Baby Jesus auf dem Schoss. Er trägt einen schwarzen Bart und wirkt jung. Im Grunde sieht er ähnlich aus wie viele Darstellungen des Erwachsenen Jesus. (Fast könnte man sagen: Er ist Jesus wie aus dem Gesicht geschnitten.) Maria steht hinter ihm mit einer Art Wanderstab und legt ihm schützend die Hand auf die Schulter. Alle drei bilden eine Einheit. Von den Seiten schauen Ochs und Esel in die Szene. Ganz eindeutig: Dies ist die Weihnachtsszene im Stall – obwohl gar keine Krippe zu sehen ist.

Wie gesagt: ein ungewöhnliches Weihnachtsbild, nicht nur wegen der vertauschten Rollen zwischen Maria und Josef. Hier steht bzw. sitzt einmal Josef im Mittelpunkt.

Wir kennen in der Regel andere Krippendarstellungen: Josef steht meistens am Rand, während Hirten und Weise in den Stall drängen. Außerdem wird Josef oft als alter Mann dargestellt. Das liegt vielleicht daran, dass er später in den Evangelien gar nicht mehr aktiv auftaucht – anders als Maria, die noch mehrmals auftritt. Deswegen hat man immer wieder vermutet, dass Josef möglicherweise früh verstorben ist. Aber wir wissen es eben nicht.

Wie auch immer – über Josef habe ich gelesen, dass er auf den ersten Weihnachtsbildern gar nicht auftaucht. Erst seit dem 6. Jh. wird er überhaupt dargestellt, aber eher als Randfigur. Im späten Mittelalter wird Josef auf den Bildern dann zunehmend aktiver. Er hilft bei der Zubereitung des Bades, er schürt Feuer oder kümmert sich um das Essen. Es gibt z.B. ein Altarbild aus Lübeck, entstanden ca. 1430 (Flügelaltar aus der Zirkelbrüderkapelle der Katharinenkirche zu Lübeck, im St. Annen-Museum). Dort sieht man Josef, wie er in einem Stieltopf auf einem kleinen Feuer die Suppe rührt. Er spielt eine Nebenrolle, aber eine, die enorm wichtig ist.

Anders als die Hirten hat er kein schönes Licht und einen Engel, die ihn zur Krippe gelockt haben. Anders als Maria wurde ihm keine wunderbare Prophezeiung mit auf den Weg gegeben und eine Schwangerschaft, die die nahenden Ereignisse jeden Tag spürbar werden lässt. Es ist immer leicht zu glauben, wenn es Zeichen gibt: Engel, die Botschaften verkünden, Lichter, die den Weg deuten, eine Schwangerschaft, mit der das vorausgesagte Kind jeden Tag seiner Geburt näherkommt.

Josef ist der Einzige in der Weihnachtsgeschichte, der keine Zeichen zu sehen bekam, dafür aber mit der größten narzisstischen Kränkung, die ein Mann ertragen kann, umgehen musste: welchem Mann gefällt das schon, wenn die Verlobte von einem anderen schwanger ist? Da hilft es auch nicht, wenn der andere angeblich Gott ist. Der einzige Trost: wenigstens die Ausrede ist kreativ.  Aber das hilft auch nicht wirklich. Geht doch mal in einen Club oder zum Fußballverein und erzählt: „Meine Verlobte ist schwanger vom Heiligen Geist.“  Ich wette, Ihr erntet schallendes Lachen. Aber Verständnis für Deinen Schmerz hat keiner.  Josef bleibt auf der Verliererstraße. Bis heute ist Josef dem Verdacht ausgesetzt, entweder von irgendjemandem böse betrogen worden zu sein oder nie den Mumm gehabt zu haben, zu seinem leiblichen Kind zu stehen. Keine sonderlich schöne Alternative, wie ich finde.

Bei Matthäus finden wir einige ganz andere Geschichten von Josef. Er erzählt sozusagen die Geburt Jesu aus der Sicht des Josef. Als Josef von Marias unerklärlicher Schwangerschaft erfährt, will er sie heimlich verlassen. So hätte sie nämlich die Möglichkeit, den vermeintlichen Nebenbuhler, den tatsächlichen Vater des Kindes zu heiraten. Josef will Maria nicht bloßstellen, und er will sie nicht in Gefahr bringen – ihr hätte sonst womöglich die Steinigung gedroht. Doch Josef will nicht, dass dem Gesetz Genüge getan wird, sondern er will dem geliebten Menschen gerecht werden.

Noch während Josef darüber nachdenkt, wie er richtig reagieren soll, greift Gott in seine Überlegungen ein. Er schickt ihm im Traum einen Engel. Der erklärt ihm, was geschehen ist, und gibt ihm den Auftrag, Maria zu seiner Frau zu nehmen. Mit dem Verstand kann Josef das alles nicht erklären. Erst der Engel im Traum öffnet ihm die Augen für das, was Gott vorhat. Und so folgt er gehorsam dem, was der Engel gesagt hat.

Doch damit fängt der Ärger erst an: Erzieht mal ein Kind, das gleichzeitig der Sohn Gottes ist und dein eigener. Er möchte ja so gerne glauben, dass dieses Kind Gottes Sohn ist, aber es steht so vieles offenkundig dagegen: kein königlicher Palast, der dem Gottessohn angemessen wäre, sondern ein einfacher Stall, keine königliche oder wenigstens ehrbare Gesellschaft, sondern einfache, stinkende, vor Dreck strotzende Hirten, Ochs und Esel. Sein Kind im Futtertrog. Und dann diese furchtbare Geschichte mit dem Kind, das seine Männlichkeit zutiefst ankratzt. Josef seufzt: wer soll diese Geschichte schon glauben?

Unser Joseph hier auf dem Bild durchbricht diesen Konflikt. Nicht der Suppe Kochende, nicht der zweifelnden, die werdende Mutter Verlassende, nicht der mit Hirtenstab und tief ins Gesicht gezogenem Hut sich Versteckender, nicht der an Gottes Verheißung zweifelnder Mann und Vater ist dargestellt.

Hier sehen wir Joseph als liebevollen, zärtlichen, fürsorgenden Vater. Hier sehen wir seine innere Haltung deutlich. Und Maria steht als starke Frau hinter ihm und zu ihm.

Joseph hat sich sein Leben nicht so ausgesucht, nicht die ungewollte Schwangerschaft seiner Verlobten, nicht die Reise nach Bethlehem, die Geburt im Stall. Aber er übernimmt Verantwortung. Jetzt sitz er im Stall und hält sein Kind liebevoll auf dem Arm. Es ist sein Leben

Und wir haben uns ja auch nicht alles im Leben so ausgesucht. Und darum ist es damit auch unsere Geschichte, die von unserem Leben, von unseren Sorgen, von unserer Hoffnung und von unserer Freude handelt –. Was wäre aus der Weihnachtsgeschichte geworden, wenn Joseph die Verantwortung nicht auf sich genommen hätte? Was wird aus unserem Leben, wenn wir nicht die Verantwortung dafür übernehmen?

Und wir können sie auch übernehmen, so wie Joseph sie übernommen hat für Maria und Jesus, weil es unsere Leben mit Gott ist. Amen.

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